Verleihung der Ehrenmünze der Stadt Dresden an André Lang für sein Engagement in der Erinnerungskultur

Ehrenmünze für André Lang: Engagement für Erinnerungskultur ausgezeichnet

Die Landeshauptstadt Dresden hat im Rahmen eines Festaktes im Neuen Rathaus zehn engagierte Persönlichkeiten mit der Ehrenmünze Dresden ausgezeichnet. Unter den Geehrten ist André Lang, der sich seit vielen Jahren für Erinnerungskultur, jüdisches Leben und eine offene, demokratische Gesellschaft einsetzt.

Persönliche Geschichte prägt Engagement

Als Sohn von Überlebenden der nationalsozialistischen Verfolgung ist sein Engagement eng mit seiner persönlichen Geschichte verbunden. Diese biografisch geprägte Perspektive verleiht seiner Arbeit eine besondere Authentizität und Dringlichkeit. Lang setzt sich konsequent gegen Antisemitismus, Rassismus und Rechtsextremismus ein und engagiert sich in zahlreichen zivilgesellschaftlichen Initiativen sowie in der Jüdischen Gemeinde zu Dresden.

Sein Ansatz geht dabei bewusst über reine Wissensvermittlung hinaus. Erinnerung ist für ihn kein statischer Rückblick, sondern ein fortlaufender Prozess, der immer auch die Gegenwart betrifft. Gerade die Weitergabe von Erfahrungen und Perspektiven an jüngere Generationen spielt dabei eine zentrale Rolle.

Alter Leipziger Bahnhof im Fokus

Ein zentrales Anliegen ist für ihn der Alte Leipziger Bahnhof, einer der wichtigsten Orte der nationalsozialistischen Deportationen in Dresden. Von hier aus wurden Jüdinnen und Juden in Ghettos und Vernichtungslager verschleppt. Bis heute ist diese Geschichte im Stadtbild nur unzureichend sichtbar.

Als Sprecher des Förderkreises setzt sich André Lang seit Jahren dafür ein, den historischen Ort dauerhaft als würdigen Gedenk- und Bildungsort zu entwickeln. Die Allianz für Dresden unterstützt dieses Engagement gezielt und erhöht den politischen Druck, damit die Entwicklung des Areals endlich vorankommt.

Der Alte Leipziger Bahnhof steht dabei exemplarisch für den Umgang mit historischer Verantwortung in der Stadt. Die Frage, wie mit diesem Ort umgegangen wird, ist zugleich eine Frage danach, welchen Stellenwert Erinnerungskultur im politischen Handeln tatsächlich einnimmt.

Breites Engagement für eine offene Gesellschaft

Lang ist Teil eines breiten Netzwerks, das sich aktiv für ein weltoffenes und solidarisches Miteinander in Dresden einsetzt. Sein Engagement umfasst Gedenkveranstaltungen, Bildungsarbeit und die kontinuierliche Beteiligung an zivilgesellschaftlichen Bündnissen.

Dabei geht es nicht nur um punktuelle Projekte, sondern um eine dauerhafte Verankerung demokratischer Werte im gesellschaftlichen Alltag. Gerade die Verbindung von historischer Aufarbeitung und aktuellem gesellschaftlichem Engagement macht seine Arbeit besonders wirksam.

Stephan Trutschler, Sprecher der Allianz für Dresden, betont, dass André Lang eindrucksvoll zeige, dass Erinnerungskultur keine rein historische Aufgabe sei, sondern eine Verantwortung im Hier und Jetzt. Sein Engagement verbinde die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit mit einem klaren Eintreten für Demokratie und Menschenwürde und mache zugleich deutlich, dass dieses Engagement politische Konsequenzen haben müsse.

Deutlicher Handlungsbedarf beim Alten Leipziger Bahnhof

Die Auszeichnung macht deutlich, dass es beim Alten Leipziger Bahnhof seit Jahren an verbindlichen politischen Entscheidungen fehlt. Trotz der historischen Bedeutung des Ortes wird die Entwicklung immer wieder verzögert, Zuständigkeiten bleiben unklar und konkrete Fortschritte sind bislang ausgeblieben.

Besonders kritisch ist auch der Umgang aus denkmalfachlicher Perspektive. Während in vielen Bereichen des Denkmalschutzes hohe Maßstäbe gelten, bleibt ein Ort von herausragender historischer Bedeutung wie der Alte Leipziger Bahnhof faktisch sich selbst überlassen. Es stellt sich die Frage, wie es sein kann, dass ein solcher Ort über Jahre hinweg keinen konsequenten Schutz und keine sichtbare Entwicklung erfährt.

Diese Situation ist nicht nur eine Frage der Stadtentwicklung, sondern auch ein Ausdruck politischer Prioritätensetzung. Solange keine verbindlichen Entscheidungen getroffen werden, bleibt die historische Bedeutung des Ortes im Widerspruch zu seiner tatsächlichen Behandlung im öffentlichen Raum.

Klare Forderungen an Politik und Verwaltung

Die Allianz für Dresden fordert verbindliche Entscheidungen und ein koordiniertes Vorgehen von Stadtverwaltung, Stadtrat und Denkmalschutzbehörden. Die Entwicklung des Alten Leipziger Bahnhofs muss unverzüglich beschlossen und umgesetzt werden.

Der Ort muss dauerhaft als Gedenk- und Bildungsort gesichert, institutionell verankert und sichtbar im Stadtbild etabliert werden. Zudem braucht es eine klare zeitliche Perspektive, die weitere Verzögerungen ausschließt. Trutschler macht deutlich, dass die Zeit der Prüfaufträge und Verzögerungen beendet werden müsse und Dresden jetzt handeln müsse. Es sei nicht nachvollziehbar, dass an anderen Stellen mit großem Aufwand Denkmalschutz betrieben werde, während ein Ort von dieser historischen Tragweite keine vergleichbare Priorität erhalte.

Darüber hinaus braucht es eine langfristige Sicherung von Ressourcen und Zuständigkeiten, damit Erinnerungskultur nicht projektbezogen, sondern dauerhaft verlässlich organisiert wird. Nur so kann verhindert werden, dass zentrale Orte der Geschichte weiterhin von Unsicherheiten geprägt bleiben.

Ehrenmünze als Anerkennung und Auftrag

Gerade vor dem Hintergrund zunehmender gesellschaftlicher Spannungen ist eine verlässliche Erinnerungskultur unverzichtbar. Orte wie der Alte Leipziger Bahnhof sind zentrale Lernorte für Demokratie und gesellschaftliche Verantwortung.

Die Ehrenmünze würdigt das Engagement von André Lang, macht aber zugleich deutlich, dass dieses Engagement politische Konsequenzen haben muss. Die Verantwortung liegt jetzt bei der Stadt Dresden und den zuständigen Behörden, die notwendigen Entscheidungen zu treffen und die Voraussetzungen für eine dauerhaft gesicherte Erinnerungskultur zu schaffen.

Gleichzeitig zeigt die Auszeichnung, welche Bedeutung individuelles Engagement für das Gemeinwesen hat. Sie macht sichtbar, was möglich ist, wenn Einzelne Verantwortung übernehmen, verdeutlicht aber auch die Grenzen dieses Engagements, wenn strukturelle Voraussetzungen fehlen. Erinnerungskultur braucht deshalb nicht nur engagierte Menschen, sondern auch klare politische Entscheidungen und eine langfristige institutionelle Absicherung.

Foto: Preisträgerinnen und Preisträger der Ehrenmünze Dresden 2026 (Bereich Kultur und Regionalgeschichte): Heike Richter, André Lang, Christiane Mennicke-Schwarz und Martina Angermann (v. l. n. r.), flankiert von Laudatorin Maria Noth und Oberbürgermeister Dirk Hilbert ©Jürgen Männel