Am 29. Januar 2026 hat der Stadtrat der Landeshauptstadt Dresden nach intensiver und teils sehr emotional geführter Debatte einen Beschluss zur weiteren Entwicklung des Alter Leipziger Bahnhof gefasst. Mit einer äußerst knappen Mehrheit wurde entschieden, die konzeptionelle Arbeit am geplanten Gedenk-, Bildungs- und Begegnungsort fortzuführen und dafür eine befristete Anschubfinanzierung in Höhe von insgesamt 100.000 Euro bereitzustellen.
„Wir begrüßen diese lange überfällige Entscheidung außerordentlich und freuen uns, dass den jahrelangen Debatten und Auseinandersetzungen um diesen lebendigen Teil Dresdner Stadtgeschichte nun endlich auch Taten folgen“, so Stephan Trutschler, Sprecher der Allianz für Dresden. „Man hat das Gefühl, dass es nun doch Ernst wird – laut Informationen aus dem Stadtrat werden 75.000 Euro unmittelbar für das Jahr 2026 freigegeben.“
Weitere 25.000 Euro sind an die Bedingung geknüpft, dass bis zum 30. September 2026 ein erweitertes Konzept vorgelegt wird, das konkrete Bildungsangebote, Kooperationsmodelle mit bestehenden Gedenkorten sowie einen Zeitplan für erste Pilotformate enthält.
Zur Geschichte: Der Alte Leipziger Bahnhof ist einer der zentralen historischen Orte der Stadt. Als früher Verkehrsknotenpunkt markiert er den Beginn der sächsischen Eisenbahngeschichte. Zugleich war er zwischen 1942 und 1944 Ausgangspunkt der Deportationen von Jüdinnen und Juden sowie weiteren Verfolgten in Ghettos und Vernichtungslager. Bahnsteige, Gleisanlagen und Gebäude sind bis heute erhalten und machen den Ort zu einem der wenigen authentischen Deportationsorte in Ostdeutschland. Gerade diese Authentizität verleiht dem Vorhaben einer Gedenk- und Begegnungsstätte eine besondere Bedeutung.
Seit mehreren Jahren setzen sich zivilgesellschaftliche Initiativen – darunter die Allianz für Dresden und insbesondere der Förderkreis Alter Leipziger Bahnhof e. V. – dafür ein, diesen Ort dauerhaft als Lern-, Erinnerungs- und Austauschraum zu entwickeln. Im Auftrag der Stadt wurde bereits ein umfassendes Nutzungs- und Betreibungskonzept erarbeitet. Dieses sieht sowohl die verkehrs- und zeitgeschichtliche Dimension des Bahnhofs als auch einen eigenständigen Gedenkraum vor und soll jüdische Gegenwartskultur sowie Perspektiven ehemals verfolgter Gruppen sichtbar machen.
„Trotz dieser aufwendigen Vorarbeiten ist das Projekt in den vergangenen Haushaltsjahren immer wieder ins Stocken geraten“, so Trutschler weiter. Zwar standen Mittel bereit, doch fehlende Mehrheiten im Stadtrat verhinderten deren Freigabe. Insbesondere CDU und weitere Fraktionen machten ihre Zustimmung von der vorherigen Klärung der Grundstücksfrage abhängig, da sich das Areal weiterhin in privatem Eigentum befindet. Bis heute konnte die Stadt weder eine verbindliche Lösung mit dem Eigentümer Globus für einen Ankauf noch eine tragfähige Initiative zur langfristigen baulichen Sicherung des vom Verfall bedrohten Gebäudeensembles vorweisen.
Die Entscheidung vom 29. Januar versteht die Allianz für Dresden daher vor allem als politischen Kompromiss: Die inhaltliche Arbeit wird nun vorerst ermöglicht, während die Eigentumsfrage – seit inzwischen mehr als einem Jahrzehnt – weiterhin ungelöst bleibt. Dass die Abstimmung nur mit einer hauchdünnen Mehrheit zustande kam, unterstreicht, wie fragil der politische Konsens nach wie vor ist.
Für die Dresdner Erinnerungskultur ist der Beschluss dennoch ein wichtiges Signal. Mit der nun gesicherten Finanzierung kann die konzeptionelle Arbeit fortgesetzt, Bildungs- und Vermittlungsangebote weiterentwickelt und das Netzwerk mit anderen Gedenkorten ausgebaut werden. Zugleich bleibt der Zeitdruck hoch: Mit dem fortschreitenden Verlust von Zeitzeug*innen wächst die Verantwortung, historische Orte wie den Alten Leipziger Bahnhof dauerhaft zu sichern und als sichtbare Lernorte zu etablieren. Die Bedingung, bis Ende September ein erweitertes Konzept vorzulegen, schafft hierfür einen klaren nächsten Meilenstein – ersetzt jedoch nicht die Notwendigkeit, parallel tragfähige Lösungen für Eigentum, bauliche Sicherung und langfristige Finanzierung zu entwickeln.
Aus Sicht der Allianz für Dresden ist der Stadtratsbeschluss ein notwendiger Zwischenschritt, dem nun konkrete Taten folgen müssen. Die Allianz begrüßt, dass die Stadt die inhaltliche Arbeit am Gedenkort kurzfristig ermöglicht, fordert jedoch zugleich Verbindlichkeit bei der Grundstücksfrage, transparente Zeitpläne und eine nachhaltige finanzielle Perspektive. Erinnerungskultur darf nicht von knappen Mehrheiten oder befristeten Förderungen abhängen. Der Alte Leipziger Bahnhof ist ein Ort von herausragender historischer Bedeutung – er verdient eine dauerhafte Sicherung und eine klare Perspektive als Gedenk-, Bildungs- und Begegnungsstätte für kommende Generationen. Die Allianz für Dresden wird den weiteren Prozess aufmerksam begleiten und sich weiterhin dafür einsetzen, dass aus diesem Beschluss ein tragfähiger, öffentlich verantworteter Erinnerungsort entsteht.
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